Tschernobyl und Brustkrebs

Welche gesundheitlichen Folgen hatte der Reaktorunfall?

Das ganze Ausmass der gesundheitlichen Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl ist nicht zu überblicken. Über die Zahl der Todesopfer wird auch 20 Jahre nach der Katastrophe noch immer kontrovers diskutiert.

Konsens herrscht darüber, dass mindestens 1800 Kinder und Jugendliche in den am stärksten belasteten Gebieten von Belarus aufgrund der Reaktorkatastrophe an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle unter Menschen, die zum Zeitpunkt des Unfalls Kinder und Jugendliche waren, in den kommenden Jahrzehnten auf 8000 steigt. Diese Zahl nennt der UNDP-Report 2002. Der deutsche Strahlenmediziner und Tschernobylexperte, Professor Edmund Lengfelder vom Otto Hug Strahleninstitut in München, das seit 1991 ein Schilddrüsenzentrum in Belarus betreibt, warnt vor bis zu 100 000 zusätzlichen Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs in allen Altersgruppen.

Im September 2005 präsentierte das Tschernobyl-Forum einen Bericht (Tschernobyl-Forum-Report 2005), verfasst von Experten von sieben UNO-Organisationen, unter ihnen die WHO, die IAEA sowie die Weltbank, Belarus, Russland und die Ukraine. Dieser Bericht kommt zum Schluss, dass die Tschernobyl-Katastrophe insgesamt schätzungsweise 4000 Menschenleben fordern wird. Bis Mitte 2005 sollen knapp über 50 Personen den direkten Folgen der Strahlenexposition erlegen sein. Der Bericht, welcher ausschliesslich abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse gelten lässt, stösst bei unabhängigen Tschernobylexperten, Umweltorganisationen und Tschernobyl-Hilfsorganisationen auf heftige Kritik. Der Bericht verharmlose das Ausmass der Katastrophe und widerspreche früheren Studien. Zudem seien einige Aussagen nachweislich falsch. Die Widersprüche sind teilweise darauf zurückzuführen, dass die Forschung zu den Folgen von Tschernobyl aus verschiedenen Gründen (finanzieller, politischer oder juristischer Art) teilweise unvollständig oder unsystematisch geblieben ist. Dennoch liegen aussagekräftige Studien und Erhebungen zu weiterreichenden gesundheitlichen Folgeschäden vor (154.1)

Als direkte Folge des Unfalls ist auch die Zunahme der Brustkrebserkrankungen international anerkannt (39.1). Ihre Zahl hat sich in den Gebieten rund um das weissrussische Gomel verdoppelt. Die Region Gomel gehört zu den am stärksten verstrahlten Gebieten. Weissrussische und ukrainische Wissenschaftler prognostizieren ausserdem eine Zunahme von Tumoren der Harn- und Geschlechtsorgane, Lungenkrebs und Magenkrebs sowohl unter den Liquidatoren als auch unter den männlichen Bewohnern der stark verstrahlten Landstriche (16.6). Diese Prognose wird auch von Krebsspezialisten in anderen Ländern unterstützt (40.1).

39) European Commission, OCHA et. al., International Conference: Fifteen Years after the Chernobyl Accident. Lesson Learned. Executive Summary, Kiev, April 2001

Kein Zweifel herrscht unter nationalen und internationalen Experten, dass der Gesundheitszustand der Menschen in den verstrahlten Gebieten extrem schlecht ist. UNDP und UNICEF machen dafür in ihrem jüngsten Bericht ein Bündel von Ursachen verantwortlich: Armut, schlechte Ernährung, ungesunde Lebensbedingungen.

Diese Faktoren werden, so der UNDP/UNICEF-Bericht, durch die psychologischen Folgen des Unfalls verstärkt (2.4). Das Fazit von UNDP und UNICEF ist jedoch umstritten.

„In der Folge der Tschernobyl-Katastrophe ist in der Bevölkerung auch bei vielen nicht bösartigen Erkrankungen ein massiver Anstieg zu verzeichnen“, schrieb der deutsche Strahlenmediziner Edmund Lengfelder 15 Jahre nach dem Unfall (38.2). Die staatliche ukrainische Agentur Tschernobyl Interinform in Kiew berichtet im März 2002, dass 84 Prozent der drei Millionen Menschen in der Ukraine, die Radioaktivität aufgenommen haben, als krank registriert sind. Davon sind eine Million Kinder (8.2). Nach den aktuellen Daten des staatlichen weissrussischen Chernobyl Committee in Minsk ist die durchschnittliche Erkrankungsrate der Bewohner in den verseuchten Gebieten höher als die der Bewohner in den unverstrahlten Regionen. Die Menschen in den unverstrahlten Regionen unterliegen allerdings keiner speziellen Kontrolle. Deshalb werden weitere Vergleichsstudien angeregt (16.6).

Die internationale Diskussion über andere Krankheiten (neben Krebs) als Folge des Reaktorunglücks findet sich in Abschnitt „Sonstige Erkrankungen als Folge des Unfalles“. In den Unterkapiteln „Folgen für das Erbgut“ und „Niedrigstrahlung“ werden die Folgen der Radioaktivität für die Schwangerschaft und das Erbgut beschrieben.

Quellen

(2.3)  UNDP, UNICEF: The Human Consequences of the Chernobyl Nuclear Accident. A Strategy for Recovery, Januar, 2002, S. 52
(2.4)  UNDP, UNICEF: The Human Consequences of the Chernobyl Nuclear Accident. A Strategy for Recovery, Januar, 2002, S. 47
(8.2)  Chernobyl Interinform: Interview vom 18.04.2002, Kiew, 18.04.2002, S. 5
(16.6)  Committee on the Problems of the Consequences of the Catastrophe at the Chernobyl NPP: Interview vom 16.4.2002, Minsk, S. 4
(36.1)  www:Medicine Worldwide, Tschernobyl, S. 2
www.onmeda.de
(38.2)  Otto Hug Strahleninstitut: Informationen, Ausgabe 9/2001 K, 2001, S. 4
(39.1)  European Commission, OCHA et. al., International Conference: Fifteen Years after the Chernobyl Accident. Lesson Learned. Executive Summary, Kiev, April 2001, S. 10
(40.1)  Garnets, Oxana; Tschenobylexpertin der UNDP Kiev: Interview, Kiev, 26.02.2002, S. 2
(154.1)  Tschernobyl-Forum-Report: Das Vermächtnis von Tschernobyl: Folgen für Gesundheit, Umwelt und Sozioökonomie, 2005, Herausgeber: IAEA – Internationale Atom-Energie-Behörde

Dokumente

United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), Chernobyl: A Continuing Catastrophe (englisch, PDF, 1.2 MB).
Resolutionsentwurf der 4. internationalen Konferenz „Tschernobyl-Kinder – Gesundheitliche Folgen und psychosoziale Rehabilitation“, 2.-6.Juni 2003, Kiew, Ukraine (englisch; PDF, 20 KB)

Glossar

Äquivalente Dosis
Becquerel (Bq)
Cäsium/Cäsium 137
Curie (Ci)
Absorbierte Dosis
Isotop
Sievert
Somatische Wirkungen von Strahlung
Strontium
Plutonium
Strahlung und Radioaktivität

Weitere Informationen

Folgen für die Schwangerschaft
Folgen für das Erbgut
Psychologische Folgen
Informationen Tschernobyl



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